Michel Richter besitzt nicht nur über 50 000 Tonträger, sondern haucht als DJ altehrwürdigen Hits neues Leben ein. Zu Besuch beim dienstältesten Plattenaufleger der Schweiz.

Kaum sind wir in der Wohnung von Michel Richter in Horw, bittet er uns in sein Archiv-Zimmer. Dort stapeln sich bis unter die Decke über 20 000 Single-Platten in den Regalen. Alles alphabetisch und nach Musikstil geordnet. An den Wänden hängen Fan-Utensilien, Autogrammkarten und Dankeskarten seiner Fans.

Es bleibt kaum Zeit sich sattzusehen, schon hält uns der Jäger und Sammler stolz eine seiner Trouvaillen entgegen. Es ist die Single «Ninety Nine Years (Dead Or Alive)» von Guy Mitchell ‎aus dem Jahr 1956. Vorsichtig legt er die Scheibe auf seinen von Holz ummantelten Plattenspieler. Ab dem ersten Takt wird klar, warum Richter als James Bond-Fan an dieser Scheibe hängt. Sie klingt wie das James Bond Theme, aber nur beinahe: John Barry, der Komponist der Erkennungsmelodie der 007-Filme, hat bei diesem Song schamlos abgekupfert.

Wo heute schnell mal die Juristen vor der Tür stehen würden, war das zu dieser Zeit gang und gäbe. «Auch Polo Hofer hat geklaut», sagt Richter, und nennt als Beispiel den Song «Kiosk», den Polo National bis auf den Text nahezu eins zu eins von Little Feat «Dixie Chicken» kopierte.

Über nahezu jede seiner Platten kann Richter eine Geschichten erzählen. Und dieses Wissen nutzt der 65-Jährige auch an seinen DJ-Auftritten, wo er, wie früher üblich, zwischen den Stücken Titel und Interpret ansagt. Bei gegebenem Anlass erzählt er auch mal Anekdoten zwischen den Liedern, etwa bei Senioren-Tanznachmittagen oder bei seinen Good Old(ies) Sunday Veranstaltungen, die er schon seit fünfzehn Jahren sonntags in der Bar im Montana durchführt.

An Durchsagen zwischen den Songs hält er eisern fest, auch wenn sich die Abläufe der Tanzveranstaltungen seit seinen Anfangstagen verändert haben: «Damals spielte man einige schnelle Songs, darauf folgten ruhige Songs, sogenannte Schmusesongs, bei denen die Gäste geschlossen Tanzen konnten.» Es folgte eine zehnminütige Pause, bei der die Besucher zu ihren Tischen zurückkehrten. «Das ging stündlich so weiter bis um ein Uhr, dann war Zapfenstreich, an Werktagen bereits um Mitternacht.», erzählt Richter.

Nach seiner Lehre in einem Reisebüro 1968 arbeitete er fast zehn Jahre vollberuflich als Plattenaufleger in verschiedenen Lokalitäten in der Innerschweiz. Wenn auch nicht als DJ, blieb er der Musik verpflichtet. Als Radiojournalist und beim Musiklabel K-Tel. Seit zehn Jahren arbeitet Richter wieder hauptberuflich als DJ und gibt etwa hundert Auftritte pro Jahr.

 

Seinen Erfolg verdankt der DJ unter anderem seiner langjährigen Erfahrung. Seit Anbeginn führt er minutiös Buch über die Musikwünsche seiner Besucher, die er in eine Datenbank auf seinem Computer einträgt. Die häufigsten Nachfragen? «Das sind definitiv Songs von Elvis und den Beatles, von denen habe ich über 80 verschiedene Liederwünsche registriert.» Mithilfe dieser Statistik nimmt Richter für jeden Anlass einen fixen Grundstock von etwa 1000 Platten mit. «Mit diesem Stock kann ich 95 Prozent aller Wünsche erfüllen», erzählt Richter nicht ohne Stolz.

Wird ein Song selten gewünscht, bleibt die Platte zu Hause in seinem Archiv. Seine Mission besteht darin, die Besucher mit Evergreens zu beglücken, wo alle mitsingen können. Er spielt Songs aus einer Zeit als Hits noch Gassenhauer waren und nicht ein endloser Stream aus Bits und Bytes. Geschmackssicher erfüllt Michel Richter diese Sehnsucht nach Nostalgie. Denn sind wir ehrlich: Mit Blick auf die standardisierte Sülze die heutzutage in den Hitparaden gespielt wird, hätte ein Song wie «Hotel California» keine Chance mehr. Dies übrigens der Song, der von seinen Gästen am meisten gewünscht wird.