Mit Beaver Sheppard am Mikrofon mutieren die Berliner Techno-Klassik-Tüftler Brandt Brauer Frick auf ihrem neuen Album «Joy» zur klassischen Band.

Daniel Brandt, Jan Brauer und Paul Frick, besser bekannt als Brandt Brauer Frick, versprühen seit ihrer Gründung 2008 den Geist deutscher Wertarbeit. Auf der Bühne stehen sie in Anzug und Krawatte. Ihr Sound: aufgeräumt, kalkuliert, präzise. Minimalistische Techno-Tracks, gespielt mit akustischen Instrumenten – Kraftwerk in Umgekehrt. 2010 erschien ihr Debütalbum «You Make Me Real», auf dem die drei klassisch ausgebildeten Instrumentalisten streng getakteten Akustik-Techno mit Klassik und Jazz kombinierten.

Das Feuilleton bejubelte sie als Brückenbauer zwischen Club und Hochkultur. Das Trio wuchs zu einem elfköpfigen Ensemble an und brachte ein Jahr später das Livealbum «Mr. Machine» heraus. Es folgten Auftritte in etablierten Kulturtempeln, wo sonst Orchester ihr Stelldichein geben. Wollten sie in den Clubs die Besucher mit ihrem feinen Zwirn noch vor den Kopf stossen, waren sie nun in einem Umfeld, wo sie der Etikette entsprachen. Die Krawatte verschwand im Kleiderschrank. Zeitgleich verabschiedeten sie sich auf dem Nachfolgealbum «Miami» von ihrer Minimal-Ästhetik: Mehrspurig, aber nie grossspurig, schichteten Brandt Brauer Frick nunmehr Bläser, Piano, Synthie-Flächen aufeinander zu einem technoiden, düsteren Gebräu.

Ein Poet aus Kanada

Die charakteristisch dunkle Stimmung ist auch auf ihrem neuen Album «Joy» vorhanden, erhält aber durch das Zutun des kanadischen Sängers Beaver Sheppard sichtlich mehr Farbtupfer. Bereits auf «Miami» arbeiteten sie mit Gastsängern wie Gudrun Gut, Jamie Lidell und Nina Kraviz zusammen, dass ein Sänger auf einem ganzen Album singt, ist jedoch ein Novum.

Die drei Berliner lernten Sheppard vor drei Jahren auf einem Festival in Montreal kennen. Nachdem eine gemeinsame Mini-Tour ins Wasser gefallen war, nutzten sie die Zeit, um während einer dreiwöchigen Aufnahmesession eine Platte aufzunehmen. Mit Sheppard als Sänger hat sich auch der Fokus von Akustik-Techno zu mehr Song-orientierten Genres wie New Wave oder Indie-Rock verschoben. «Wir hatten nicht mehr das Bedürfnis, in Clubmusik-Strukturen zu denken. In den letzten Jahren wurden wir im Club-Bereich von der Musik selten positiv überrascht, oft fühlte sie sich mutlos und zu neutral an», sagt Paul Frick, der Mann an den Tasten.

Verwehrte sich das Trio auf den Vorgängeralben noch der gängigen Dramaturgie elektronischer Tanzmusik wie etwa der Verwendung von Intros oder Hooklines, scheut sich die Band auf «Joy» nicht vor euphorischen Klimaxen. Beim ersten Hören klingt das Album, als würden zwei Platten gleichzeitig laufen: Wenn zum Beispiel Bläser in Strawinsky-Manier dazwischenplärren oder das Piano Stakkato-artig über den Beat synkopiert. Die hibbelige Stimmung verflüchtigt sich nach der Gewöhnungsphase mehr und mehr, und die verschiedenen Elemente wachsen wie bei einem Puzzle zu einem schlüssigen Bild zusammen. Mit seinen prägnanten Synthie-Akkorden und dem fieberhaften Drum-’n’-Bass-Beat stellt der Song «Poor Magic» die Quintessenz des Albums dar: die goldene Mitte aus einem Pulk aus Klang-Ideen und fokussiertem Songwriting. Das Resultat ist elektrifizierter Indie-Pop, wie ihn Radiohead die letzten Alben zu spielen pflegte, nur etwas fahriger.

Die Freude als Trotzreaktion

In Zeiten von Migrationsströmen, Populismus und Terrorismus: Ist der Albumtitel «Joy» als Aufruf zum Eskapismus zu verstehen? «Nein, vielmehr als Trotzreaktion. In einer Zeit, in der die Menschen mit Angst manipuliert werden, erscheint uns die Auseinandersetzung mit der Freude notwendig», sagt Frick. Das Album ist denn auch ein verdeckter gesellschaftskritischer Rundumschlag, von Kapitalismus über Fremdenfeindlichkeit bis hin zu Fundamentalismus. «Die Freude ist kein so einfaches Gefühl, wie es uns die Werbung verkaufen will, sondern voller Widersprüche.» Und so klingt das Album trotz aller Dynamik und hörbarer Lebenslust oftmals auch düster. «Manche Leute finden die Musik auf unserem neuen Album zugänglicher als früher, und andere finden es einfach nur dark und deprimierend», so Frick.

Für Daniel Brandt ist der Fall jedoch klar, wie er kürzlich in einem Interview sagte: «Es ist das fröhlichste Album, das wir je gemacht haben.»

Sedel, Di, 1.11., 21 Uhr.

Dachstock Reitschule, Mi, 2.11., 20.30 Uhr.

Publiziert in der “Der Bund”