Ein Gespräch mit dem Luzerner Samuel Savenberg über bumm-bumm-Techno, den eigenen «Sweet-Spot» und Keller voller Synthesizer.

Die 59-jährige Ellen Fullman wird am gleichen Abend wie Sie in der Dampfzentrale mit einem Instrument auftreten, das sie selber kreiert hat. Sie produzieren Ihre Musik hingegen vorwiegend mit dem Computer. Hat es Sie nie gereizt, mit modularen Synthesizern zu arbeiten statt mit Software?
Ehrlich gesagt, verstehe ich zu wenig von Audiotechnik. Ich bin ein Macher, und die Software hilft mir, schnell und ergebnisorientiert zu arbeiten. Wenn ich zum Beispiel ein Klavier aufnehme, mische und bearbeite ich die Tonspuren auf dem Laptop. Er ist mein Hauptarbeitsinstrument. Ich bin kein Equipment-Nerd.

Mit einer Musik-Software zu arbeiten, ist für Sie also eher Mittel zum Zweck.
Ja, und irgendwie auch ein Statement. Ich kenne einige Analog-Synthesizer-Puritaner, die sich einen riesigen Gerätepark angeschafft haben. Das erinnert mich an Leute, die im Keller eine Modelleisenbahn stehen haben. Und vor allem: Modulare Synthesizer kosten Tausende von Franken. Mit dem Geld kannst du dir ein Auto kaufen.

Sie studieren in Bern an der Hochschule der Künste Musik und Medienkunst. Inwieweit hat Sie das in Ihrem musikalischen Schaffen geprägt?
Ich glaube mehr, als mir bewusst ist. Vor allem die kritische Auseinandersetzung mit meinem eigenen Schaffen hat mich viel gelehrt. Ich habe im Unterricht schon Stücke vorgelegt, die dann gnadenlos auseinandergenommen wurden. Und ich habe das Vokabular gelernt, um Musik künstlerisch, historisch und kulturell einordnen zu können.

Das hört sich sehr positiv an, gibt es nichts, was Sie stört?
Doch. Es herrscht ein gewisser Generationenkonflikt zwischen Studenten und Dozenten. Manche Dozenten bewerten aktuelle Strömungen in der elektronischen Musik mit einem lapidaren: Ach, das hatten wir doch schon in den 70er-Jahren. Sie haben Mühe, zwischen Bumm-bumm-Techno und aktueller ambitionierter elektronischer Musik zu differenzieren.
Ich dagegen finde, dass momentan spannende Sachen in der elektronischen Musik passieren, gerade auch im Bereich zwischen Sub- und Hochkultur. Durch das Internet wurde ein Demokratisierungsprozess losgetreten, der in akademischen Kreisen vielleicht nicht immer ganz einfach zu verstehen ist. Heute kann jeder mit einer günstigen Software Musik produzieren. Nicht mal Noten muss man lesen können.

Auch Sie haben mit klassischen Instrumenten angefangen, haben als Gitarrist und Bassist bei diversen Projekten mitgewirkt, von Hardcore-Bands wie Seed Of Pain über die Pop-Kombo Evje bis zur Neo-Wave-Band Die Selektion. Unter dem Namen S S S S beschränken Sie sich auf elektronische Musik. Wie kam es dazu, dass Sie Ihre Gitarre an den Nagel gehängt haben und nun als Solokünstler Musik machen?
Eigentlich ist die Gitarre immer noch in vielen Tracks vorhanden, aber ich habe sie so verfremdet, dass man sie nicht mehr als solche erkennt. Ich habe anfangs als S S S S begonnen, weil ich alleine arbeiten wollte. Viele meiner Ideen gingen im Kollektiv unter. Und spätestens mit dem Beginn des Studiums war auch klar, dass ich alleine Musik generieren muss.

Im Rahmen der «Langen Nacht der elektronischen Musik» werden Sie eine aktualisierte Version Ihres im letzten Jahr erschienenen Albums «Just Dead Stars For Dead Eyes» spielen.
Diese Komposition ist letztes Jahr während einer Residenz im Kulturzentrum Südpol in Luzern entstanden. Während zweier Wochen hatte ich die Möglichkeit, im Club-Raum ein neues Werk zu schaffen. Mein Ziel war es, ausschliesslich mit Material zu arbeiten, das in dieser Zeit und in diesem Raum entstanden ist. So habe ich am Schluss auch Raumgeräusche in das Stück integriert.

Und was erwartet die Zuhörer in der Dampfzentrale?
Ich möchte im Vorfeld nicht zu viel über die Performance verraten. Grundsätzlich ist meine Idee, dass das Publikum im Raum herumwandert und selber seinen Sweet-Spot sucht, also den Ort, der für ihn das optimale Hör-Erlebnis bietet. Durch ein spezielles Setting mit einer Spiegelwand soll der Fokus nicht auf mich als Performer gerichtet sein. Ich will die Erwartungen an ein klassisches Konzertformat brechen. Diese Konstellation bietet dann auch einen Kontrast zur Performance von Ellen Fullman, räumlich wie auch musikalisch. Wie bei Fullman ist auch meine Musik von Drones durchsetzt, aber sie ist wesentlich lauter und düsterer.

Die lange Nacht der elektronischen Musik

Während S S S S brachiale Post-Industrial-Musik und experimentelle Elektronik spielt, verfolgt Ellen Fullman aus San Francisco eine Musik mit mehr Zwischentönen. Zu Beginn der 1980er-Jahre hat die Experimental-Musikerin mit dem «Long String Instrument» ihr eigenes Instrument kreiert.

Aus dem 20 Meter langen Klangkörper entlockt sie meditativ anmutende Drones. Dritter Act des Abends ist das Berliner Duo Driftmachine, das sich ganz der analogen Elektronik widmet. Mit ihrem Modular-Synthesizer-Sound verneigen sie sich vor den deutschen Krautrock-Pionieren der 70er-Jahre und versetzen das Ganze mit zeitgenössischer experimenteller Electronica.

Dampfzentrale Freitag, 16. 9., 21 Uhr.

Das Interview erschien in «Der Bund»