Der Pianist Lubomyr Melnyk und die Tänzerin Emma Murray erzeugen zur Saisoneröffnung der Dampfzentrale einen kontinuierlichen Bewusstseinsstrom.

Auch mit seinen 67 Jahren gilt Lubomyr Melnyk immer noch als einer der schnellsten Pianisten der Welt. Bis zu 19 Noten in der Sekunde kann der ukrainisch-kanadische Musiker spielen – pro Hand, notabene. Mit seiner schnellen Spielart erzeugt Melnyk einen unaufhörlichen Strom aus Klangwellen. Er selber nennt es «kontinuierliche Musik». Den stetigen Schwall aus Tönen verstärkt er noch, indem er das Fusspedal des Klaviers gedrückt hält und, ähnlich einem Aquarell, Klangfarben miteinander vermischt. Mit dieser Spielweise fiel er einen Grossteil seiner Karriere zwischen Stuhl und Bank, künstlerisch wie kommerziell: Für den gemeinen Klassikhörer spielte er zu unorthodox und für Experimental-Musik-Anhänger zu traditionell. Oder noch schlimmer: Seine Musik landete in der New-Age-Schublade.

Die Auferstehung

In den letzten Jahren hat ihn eine neue Generation von klassischen und experimentellen Musikern entdeckt. Auf dem angesagten Londoner Label Era­sed Tapes, das auch Alben von Nils Frahm oder Ólafur Arnalds herausbringt, hat er seit 2013 drei Tonträger herausgebracht. Als Robert Rath, der Kopf des Labels, Lubomyr Melnyk den Plattenvertrag anbot, soll dieser erwidert haben: «Wo wart ihr, als ich 30 war?» Die Antwort war einfach: Rath war noch gar nicht auf der Welt. Viele seiner neugewonnenen Fans interessiert es nicht mehr, wo seine Musik einzuordnen ist. Sie schätzen, völlig undogmatisch, die transzendente Kraft seiner Musik.

Einen Teil des Konzertes wird Melnyk mit der in Bern lebenden neuseeländische Tänzerin und Choreografin Emma Murray gestalten. In dieser Begegnung wird sich Murray, tanzend und schreibend, der Idee des Kontinuums als Bewusstseinsstrom nähern.

Live: Dampfzentrale Sonntag, 4. September, 19 Uhr.