Mongolischer Obertongesang neben Innerschweizer Leggins-Rock: Es ist wieder einmal Buskers in Bern.

uch dieses Jahr wird es wieder eng in den Gassen und auf den Plätzen der Berner Altstadt: Während dreier Tage treten 41 Acts an 25 Spielorten in rund 370 Shows auf. Im Vorjahr verbuchte das Buskers Festival rund 75’000 Besucherinnen und Besucher, Tendenz steigend.

Im Vergleich: 79’000 Besucher pilgerten dieses Jahr ans Gurtenfestival. Das Festival-OK empfiehlt den Besuchern darum, 15 Minuten vor Beginn der Show am Spielort zu sein. Das bedingt eine gute Vorbereitung.

Grund genug, das musikalische Programm genauer unter die Lupe zu nehmen und eine Auslegeordnung zu tätigen, um eventuellem Dichtestress vorzubeugen.

Die Exoten

Wenn die Kehlkopf-Akrobaten von Sedaa ihre Stimmen erschallen lassen, geraten bei Worldmusic-Afficionados die Glückshormone in Wallung. Das Quartett, das aus drei Mongolen und einem Iraner besteht, bringt einen ganzen Fuhrpark aus traditionellen Instrumenten aus seiner Heimat mit: Pferdekopfgeige, Bischgur (mongolische Oboe), Yochin (mongolisches Hackbrett) und Rahmentrommel.

Gerade diese orientalische Rahmentrommel verleiht seinem Steppen-Folk das gewisse Etwas. Trotzdem sei noch erwähnt: Es steht ausser Frage, dass der Kehlkopf-Gesang eine meditative Wirkung hat, ob diese ästhetisch als Wohlklang gilt, ist jedoch wissenschaftlich noch nicht erhärtet.

Die üblichen Verdächtigen

Kein Buskers ohne Musik aus dem Balkan: Wenn Balkanophonia aufspielen, fangen die Wölfe an zu heulen. Ihre Lieder sind von bittersüsser Melancholie beseelt und mit einem leidenschaftlich-lüpfigen Balkan-Pathos legiert.

Das Quartett aus Belgrad kommt mit wenig Mitteln aus: eine Gitarre, ein Akkordeon und zwei durchdringende Frauenstimmen – mehr braucht es in seinem Fall nicht. Doppelt so viel Personal musiziert bei King Porter Stomp, die Band beschäftigt nämlich Ska-typisch einen währschaften Bläsersatz.

Es ist ein süffiger und tanzbarer Sound, den die Offbeat-Allrounder aus Brighton präsentieren, aber das Rad der jamaikanischen Unterhaltungsmusik erfinden sie damit nicht neu.

Die sicheren Werte

Ob in einem rauchigen Pub, auf einer grossen Bühne oder eben auf der Strasse: The Langan Band aus Glasgow vermag überall die Achselhöhlen zu nässen.

Dies weil sie sich aus richtig guten Musikern zusammensetzt, und zum anderen weil das Trio auch die Regeln der Strassenmusik versteht: Zuerst lullt es das Publikum mit keltischen Balladen ein, und kurz bevor die Zuhörer in schunkelnde Apathie versinken, holt es die Rute hervor und knallt hibbeligen Gypsy-Polka aufs Parkett.

Wen das Polka-Fieber befällt, kann ein paar Gassen weiter das Obwaldner Rumpelorchester Jolly & the Flytrap aufsuchen. Seit dreissig Jahren musizieren die acht Musiker zusammen. Neben dem routinierten Spiel und den euphorisierenden Blasersätzen ist es auch dem charismatischen Sänger Richard Blatter zu verdanken, das ihr Polk ’n’ Roll auch ausserhalb der Zentralschweiz geschätzt wird.

Auch aus der Innerschweiz stammt Blind Butcher, das dynamische Duo aus Luzern. Mit Vorliebe tragen Sänger und Gitarrist Christian Aregger und Schlagzeuger Roland Bucher knallbunte Leggins, legen aber in ihrem musikalischen Tun ein staunenswertes Stilbewusstsein an den Tag.

Ihr Fachgebiet ist der treibende Noiserock, den sie in unzähligen Liveauftritten aufs Duo-Format feinjustiert haben. Eine Jazz-Besetzung aus Bass, Saxofon und Schlagzeug ist nichts Aussergewöhnliches. Wenn aber eine Handorgel dazukommt, schon. Pulcinella aus Frankreich spielen herrlich rauen, unprätentiösen Kammer-Jazz.

Dass es sich dabei um vier ehemalige Zirkusmusiker handelt, die eine Band gegründet haben, ist nur ein Gerücht. Dass sie Rampensäue sind, nicht.

Club der Poeten

Wenn man den vier Frauen von La Mal Coiffée beim Singen zuhört, verwünscht man sogleich alle gängigen A-capella-Formationen ins Pfefferland. Mehrstimmig und hochrhythmisch singt das Quartett aus der Languedoc-Region im Süden Frankreichs altertümlich klingende Lieder in okzitanischer Sprache. Das klingt zuerst fremd, aber betört, je länger man zuhört.

Auch Silberen, benannt nach einer Bergkuppe am Pragelpass, suchen ihr Seelenheil in traditioneller Musik und fächeln altem Schweizer Liedgut neuen Wind zu. Sängerin Barbara Berger, die klassischen und Jazz-Gesang studiert hat, besitzt eine galante Jodelstimme.

Zusammen mit ihren Mitmusikern an Hackbrett, Gitarre und Kontrabass entsteht so ein mystischer Liederbogen in die Vergangenheit. Eine weitere Stimmakrobatin ist die französische Sängerin Leïla Martial. Sie formt mit ihrer Stimme und mithilfe eines Loop-Gerätes verschlungene Gesangsimprovisationen.

An ihrer Seite Cellist Valentin Ceccaldi, der mit seinem erdigen Spiel dafür sorgt, dass sie die Bodenhaftung nicht verliert. Beim Auftritt der beiden am Samstag um 23.30 Uhr im Buskershaus gesellt sich dann noch das Berner Stimmwunder Andreas Schaerer dazu. Gut möglich, dass es da wieder ein bisschen enger wird vor der Bühne.

(Der Text erschien in «Der Bund»)