Der amerikanische Musiker Mark Kozelek ist ein Chronist der Tragik. Als Sun Kil Moon macht er aufrichtige Folksongs, die an die Nieren gehen.

Idyllischer könnte es nicht sein an diesem sonnigen Tag am letzten Heartland-Festival. Mark Kozelek alias Sun Kil Moon steht auf der Bühne inmitten eines pittoresken Schlossgartens und ruft in die Menge: «I‘m happy to be in Denmark», und streckt seinen Arm in die Luft, «my favourite country in the World!» Steve Shelley, der Schlagzeuger seiner Tour-Band und ehemaliges Mitglied von Sonic Youth, kann sich derweil ein Schmunzeln nicht verkneifen. Das knorrige Gesicht des 49-jährigen Kozelek und sein schlurfender Gang wollen nicht ganz zu dieser Schmeichelei passen.

Seine Antrittsrede schliesst er mit: «My favourite fighter in the World is from Denmark. His name is Brian Nielsen.» Die Verehrung für den ehemaligen Schwergewichtsweltmeister ist nicht gespielt – Kozelek ist ein grosser Boxfan. Sein Künstlername Sun-kil Moon ist eine Anlehnung an den südkoreanischen Boxer Sung Kil Moon. Auf seinem Debütalbum «Ghosts of the Great Highway» widmete er zudem einen Song dem tragischen Schicksal des ebenfalls aus Südkorea stammenden Boxers Duk-koo Kim, der 1982 nach einem Kampf ins Koma fiel und Tage später verstarb. Einige Monate nach seinem Tod begingen Kims Mutter und der Schiedsrichter des Kampfes Suizid. Es sind solche Geschichten voller Tragik und Schmerz, die Kozelek in seinen Songs thematisiert und die sich durch sein ganzes Werk ziehen.

Lakonischer Erzähler

Als Sänger und Gitarrist der Band Red House Painters hat Kozelek in den 90er-Jahren mit Slowcore ein neues Genre aus der Taufe gehoben, das verträumten Indie-Rock und melancholischen Folk-Pop vereinigte und der Band gar einen Major-Label-Vertrag bescherte. Nach deren Auflösung 2001 setzte er seine Karriere als Sun Kil Moon fort, doch der grosse Erfolg stellte sich erst 2014 mit dem Album «Benji» ein. Auf diesem persönlichen Werk lässt er sein Leben Revue passieren: seine Kindheit im ländlichen Ohio, das schwierige Verhältnis zu seinem Vater, der nicht selten auch die Hand sprechen liess, und seine enge Beziehung zur Mutter. Und es handelt auch von den vielen Menschen aus seinem Umfeld, die tragisch gestorben sind.

Es ist das Werk eines Singer-Songwriters auf der Höhe seiner Schaffenskraft. Kozelek gibt dem Hörer einen tiefen Einblick in seine Biografie, ohne je voyeuristische Gefühle zu wecken. Dies schafft er mit seiner lakonischen Art des Geschichtenerzählens. Seine Songs, die oftmals die 5-Minuten-Marke überschreiten, sind assoziative Erzählungen, in denen Personen, Orte und Geschehnisse wie in einem Bewusstseinsstrom auftauchen und wieder verschwinden. Die Melancholie, die immer mitschwingt, wird durch seine nüchterne Phrasierung und sein tiefes Timbre noch verstärkt.

Der emsige Musiker hat dieses Jahr schon zwei Alben veröffentlicht: das mit verzerrten Gitarren elektrifizierte «Jesu / Sun Kil Moon» und das mit Coversongs gespickte «Mark Kozelek Sings Favorites». Der englische Musiker Justin Broadrick alias Jesu, der in den 90er-Jahren in der Kult-Industrial-Band Godflesh spielte, hat den Songs von Kozelek ein härteres Gewand aus Ambient-Metal und minimalistischen Electro-Beats verpasst. Kozelek scheint sichtlich Spass daran zu haben und schreit dann und wann auch mal laut ins Mikrofon.

Knapp an der Kitschgrenze

Bei «Kozelek Sings Favorites» zeigt der Künstler sein anderes Gesicht. Unverkrampft und mit Nonchalance singt er zwölf Coversongs, die nur von Klavier begleitet werden und zum Teil knapp an der Kitschgrenze vorbeischrammen – wie der Sinatra-Schunkler «Somethin’ Stupid» oder das schwülstige «I’m Not in Love» von 10CC. Er ist halt ein kauziger Typ, dieser Kozelek.

Kürzlich an einem Konzert wünschte sich ein Fan, dass er Songs aus früheren Alben spielen solle. Kozelek antwortete mit einer Gegenfrage: «Warum wohnst du nicht mehr bei deinen Eltern?»

Live: Dachstock Dienstag, 12. Juli, 20.30 Uhr.