Die Reitschule verwandelt die triste Schützenmatte mit dem Festival No borders, no nations zum dritten Mal in einen bunten Festplatz.

«Das Festival bedeutet nicht die Wiedereröffnung der Reitschule», sagte Reithalle-Aktivist Christoph im Interview vor zwei Wochen in dieser Zeitung, nachdem die Reitschule ihre Tore geschlossen hatte – eine Reaktion auf die angespannte Sicherheitslage auf dem Vorplatz. «Es ist für uns aber eine Chance, politische Inhalte rüberzubringen und den Leuten aufzuzeigen, weshalb wir geschlossen haben.» Und es ist auch der Beweis, dass dem Reitschule-Kollektiv der Idealismus nicht abhandengekommen ist. Denn es ist ein kühnes Unterfangen, ein Open Air auf die Beine zu stellen, das ohne Sponsoren auskommt, keinen Eintritt verlangt und auf Absperrungen und Eingangskontrollen verzichtet. Aber die Erfahrungen haben gezeigt: Es geht eben doch.

Vor zwei Jahren wurde das Festival No borders, no nations zum ersten Mal auf der Schützenmatte durchgeführt. Die amerikanische Hardcore-Band Anti-Flag hatte für einen Auftritt in der Reitschule angefragt. Doch der Dachstock war zu klein, um den erwarteten Besucherandrang zu stemmen. So entschied sich das Reithalle-Kollektiv kurzerhand, das Konzert auf die Schützenmatte zu verlegen. Innerhalb von nur fünf Wochen wurde daraus ein Festival mit zahlreichen Bands und Vorträgen. Auch dieses Jahr machen es die vielen freiwilligen Helfer und der Verkauf eines Soli-Bändelis möglich, dass die rund 8000 erwarteten Besucher ein ausgelassenes Sommerfest feiern können. «Das No borders, no nations soll nicht einfach ‹just another Festival› sein mit dem alleinigen Zweck, Party zu machen», sagt Kathy Flück, Bookerin im Dachstock und mitverantwortlich für das Programm des Festivals.

Es ist kein Zufall, dass es immer um den 1. August stattfindet. «Der Nationalfeiertag ist ein guter Moment, um sich Gedanken zu Nationalismus, Migration, nationalen Grenzen oder Bewegungs- und Niederlassungsfreiheit zu machen.» An beiden Tagen finden darum im Tojo-Theater Vorträge zu Themen wie Migration und Fremdenfeindlichkeit statt.

«Musiker, die etwas wagen»

Auch das musikalische Programm setzt mehrheitlich auf Bands und Musiker, die eine gesellschaftskritische Haltung nach aussen tragen. Keine Band im Line-up macht dies so kompromisslos wie Atari Teenage Riot aus Berlin. Mit ihrem kruden Mix aus Techno, Hardcore-Punk, Hip-Hop, Noise, Metal und Breakbeat erschufen sie 1992 ein neues Genre: Digital Hardcore. In einer Zeit, wo das Internet noch in den Kinderschuhen steckt und die NSA-Affäre in weiter Ferne, wettern sie in ihren Songs über Polizei- und Überwachungsstaat. Der Brachial-Sound der Band steht immer kurz davor, zu übersteuern, mit bis zu 200 bpm hämmern sie die Beats durch ihre technoiden Tracks. Schwer zu glauben, dass Mastermind Alex Empire diesen musikalischen Beinahe-Overkill seit jeher mit einem Atari-ST-Computer aus den 80er-Jahren programmiert hat. Auch wenn die Band ihre Blütezeit hinter sich hat, bringen sie live nach wie vor eine aufwiegelnde, brachiale Energie hervor. Es ist diese Art von Musik, die sich Kathy Flück für das Festival wünscht, Bands und Musiker, «die etwas wagen, anecken, statt wie ein poliertes Konsumprodukt möglichst allen gefallen zu wollen».

Was jedoch vielen gefallen wird: Der Berner Rapper Tommy Vercetti tauft sein Mixtape «Rosario» am Festival ein zweites Mal. Im März musste er den Dachstock nach zwei Songs verlassen, weil seine schwangere Freundin Wehen bekam. Damals war das Konzert ausverkauft, diesmal hat es Platz für alle.

Das Programm

Freitag, 29. Juli: Führung durch die Reitschule (16.00), Vorträge (17.30), The Cambodian Space Project (17.30), Ann Jangle (19.00), Feine Sahne Fischfilet (20.30), Pablo Nouvelle (22.30), Tommy Vercetti (0.15)
Samstag, 30. Juli: Vorträge und Lesungen (14.00), Sergent Papou (16.30), Redska (17.30), The Shit (18.30), Nasty Rumours (19.45), Terrorgruppe (21.00), Swiss & Die Andern (23.00), Atari Teenage Riot (0.30)

(Der Text erschien in «Der Bund»)