«X» ist der Parforceritt einer Band, die ihre physischen Grenzen auslotet. Ist das Jazz oder Rock? Es ist Schnellertollermeier.

In den Musikerlaufbahnen von Manuel Troller (Gitarre), Andi Schnellmann (Bass) und David Meier (Schlagzeug) gibt es eine Konstante: Schnellertollermeier. Seit neun Jahren machen die drei Luzerner zusammen Musik. Und es scheint, als sei Schnellertoller- meier für die drei Musiker ein Rückzugsort. Hier lassen sie die Sau raus – anders ist die brachiale Kraft des Albums kaum zu erklären.

Ähnlich wie die Jazz-Fusionisten John Zorn und Trevor Dunn pflügen sie Jazz-Klischees um und vermengen sie mit den extremen Spielarten der Rockmusik wie Post-Hardcore oder Noise-Rock. Klar, da ist immer noch die Musikalität des Jazz, die offenen Strukturen, aber weiss Gott nicht das, was man von einem Jazz-Trio erwartet. Und dies ist auch ein markanter Unterschied zum letzten Album «Zorn einen ehmer üttert stem!!». Das war noch verschwurbelter Jazzrock, mit zappaeskem Schalk im Nacken vorgetragen.

Meister der Dramaturgie

Die verspielte Nonchalance des Vorgängeralbums ist auf «X» einer strengen Dramaturgie gewichen, die sich durch das ganze Album zieht. Exemplarisch dafür steht der Opener «X», ein 20-minütiger Kraftakt: Feine Gitarren-Flageoletts spuren den Weg zu einem Parforceritt, der in einem Noise-Rock-Crescendo endet. Ruhe kehrt ein. Die Gitarre wummert leise, hie und da ein perkussiver Einsprengsel. Schnellertollermeier nehmen einen neuen Anlauf und bündeln nochmals ihre Kräfte: Rein in die Traversale, gefolgt von kleinen Kapriolen, um letztlich wieder die Gerte rauszuholen. Die Zügel geben sie dabei nie aus der Hand. Bei aller Komplexität der Stücke entsteht nie der Eindruck, als würde hier l’art pour l’art geboten. Schnellertollermeier bieten dem Hörer immer wieder Verschnaufpausen, indem sie clever zwischen Konstruktion und Dekonstruktion oszillieren. In «Massacre du Printemps» drischt Meier in das Schlagzeug, als gebe es kein Morgen, während Troller und Schnellmann ihre Saiten-Instrumente mithilfe des Loop- und Distortion-Pedals malträtieren. Der jazzig-verspielte Mittelteil – man ahnt es – ist nur ein Vorbote für das Grande Finale, das schliesslich in einem wilden Stakkato endet.

Amerikanisches Label

Zwischen den Aufnahmen und der Veröf- fentlichung des Albums sind fast zwei Jahre verstrichen. Vor allem die Label-Suche nahm Zeit in Anspruch: Manuel Troller hat ein halbes Dutzend ausländische Labels angefragt. «Wir haben bewusst Labels mit internationaler Ausstrahlung gewählt. Von den meisten gab es nicht mal eine Rückmeldung.» Anders das amerikanische Label Cuneiform, die waren von Beginn weg begeistert von den Stücken. Ein Blick in den Artist-Roster genügt, um zu sehen, dass Schnellertollermeier einen Platz unter Gleichgesinnten gefunden haben. Denn das Label ist ein Hort für Avant-Garde-Künstler, die Grenzen ausloten, und gibt auch einen Eindruck, wie die Ambi- tionen der Band gestiegen sind. «X» ist in der Tat eine intensive Erfahrung, die den Hörer herausfordert. Aber nicht überfordert. Wie mit Legosteinen bauen Schnellertollermeier ihre geometrischen Figuren zusammen, fügen Teile hinzu, verwerfen sie wieder. Dabei verlieren sie nie das grosse Ganze – die schlüssige Dramaturgie – aus den Augen.

Schnellertollermeier: «X» (Cuneiform Records)