Vermehrt unterstützen Institutionen wie das Migros-Kulturprozent oder staatliche Förderstellen nicht nur Musiker, sondern auch Labels. Richtig so: Die Musikbranche vollzieht nach wie vor einen Strukturwandel, der wirtschaftliche Unsicherheiten hinterlässt. Wir haben bei drei Luzerner Labelbetreibern nachgefragt, wie sie damit umgehen.

 Seit 1998 trifft sich einmal im Jahr das Who’s who der Schweizer Popmusikszene am m4music in Zürich und Lausanne. Die Veranstaltung wurde vom Migros-Kulturprozent ins Leben gerufen und ist Branchentreff und Musikfestival zugleich. Der Anlass schliesst eine Lücke in der Kulturförderung, die von der öffentlichen Hand bis dahin vernachlässigt wurde: nämlich die einer nachhaltigen und ernstzunehmenden Popmusik-Förderung. Neben Musikern und Bands werden seit 2006 auch Popmusik-Labels ausgezeichnet und honoriert. Mit Luzerner Beteiligung: Goldon Records erhielt vor zwei Jahren rund 20 000 Franken – als Anerkennung für die regionale und nationale Bedeutung des Labels als Talentschmiede.

Kein Leitmedium

Für Goldon war 2014 ein schwieriges Jahr. Das Album des Bündner Elektro-Duos Lipka beispielsweise verkaufte sich nicht gut. Potenzial ist da, doch muss zuerst viel Lehrgeld bezahlt werden, um die Formation bekannt zu machen – und dies ohne Erfolgsgarantie. Trotzdem setzt Labelbetreiber Guido Röösli weiterhin auf Newcomer-Bands. Das Ziel seiner Geschäftsidee ist es, junge, aufstrebende Bands unter Vertrag zu nehmen und sie nach zwei bis drei Alben ziehen zu lassen. Das Modell kann nur funktionieren, weil Goldon als Musikverlag ein zweites Standbein hat: «Wir veröffentlichen keine Platte, ohne dass wir nicht auch die Verlagsrechte besitzen. Jede Wiedergabe von Songs unseres Labels, sei es live oder im Radio, wird von der Suisa abgegolten», erklärt Röösli. Daher mag er auch nicht in den Trauerkanon der Musikindustrie einstimmen, obwohl auch bei Goldon der Absatz von CDs merklich zurückging. Für ihn ist wichtig, dass Musik mit Ecken und Kanten in den Medien thematisiert und gespielt wird. Doch für ein unabhängiges Label ist es schwierig, bei den grossen, etablierten Häuser Fuss zu fassen. «Es gibt in der Schweiz kein Leitmedium, weder ein Blog, das wirklich Einfluss besitzt, noch ein Printmagazin, das Meinungsmacher ist», sagt Röösli und ergänzt: «Darum ist es wichtig, dass das SRF seinen Kulturauftrag wahrnimmt und auch Sachen spielt, die bei den privaten Medien durch den Raster fallen.»

Guido Röösli (rechts) am m4music Festival 2013 Photos by Alessandro Della Bella, Eduard Meltzer © m4music

Pro Release verschickt er im Schnitt 100 Promo-Exemplare. Die Chancen, dass eine Band Airplay oder einen Blogeintrag erreicht, liegen bei etwa 20 Prozent. Aufwand und Ertrag stehen hierbei selten im Gleichgewicht. Ein Förderbeitrag, wie jener vom Migros-Kulturprozent, unterstützt die ideelle Arbeit von Guido Röösli – nämlich Musik von jungen, innovativen Bands herauszubringen. An den schwierigen Rahmenbedingungen seiner Arbeit ändert dies aber nichts.

 Kleine Welt

 Neben Institutionen zahlen auch staatliche Einrichtungen regelmässig Fördergelder aus. So geschehen bei Neustadtmusik: Der Name steht nicht nur für ein Label, sondern für ein Kollektiv, das Ideen und Know-how austauscht. Dabei ist es nicht immer einfach für die sieben Mitglieder, Kontinuität zu bewahren. Aus diesem Grund hat Till Grüter, die eine Hälfte des Duos Dietrich und Strolch, folgenden Wunsch: «Wir wollen in Zukunft wieder mehr Musik rausbringen. Wenn etwas geht, motiviert uns das gleich noch mehr.» Der Werkbeitrag von Stadt und Kanton Luzern in Höhe von 30 000 Franken dürfte dabei eine ordentliche Motivationsspritze gewesen sein. Einen beträchtlichen Teil des im vergangenen Jahr erhaltenen Geldes steckte das Label in eine Produktion, die in diesem Jahr erscheinen wird. Darauf werden 16 unveröffentlichte Tracks von Neustadtmusik und seinem Umfeld zu hören sein. Für die Hälfte der Lieder haben die Mitglieder Produzenten-Paare gebildet, die bis anhin noch nicht zusammengearbeitet haben. Der Grundgedanke ist, unter Luzerner Produzenten Austausch und Kreativität zu fördern. Ein solch aufwendiges Projekt wäre ohne Werkbeitrag nicht realisierbar gewesen; das Label ist nicht selbsttragend. Die Mindereinnahmen wurden in der Vergangenheit mit Vereinsbeiträgen ausgeglichen. Anstatt über Finanzielles spricht Grüter jedoch lieber über jene Unabhängigkeit, die ihnen das Label schenkt. Und über internationale Überraschungen wie diese: Vor zwei Jahren war Techno-Legende Derrick May Gast-DJ in der renommierten Sendung «6 Mix» auf BBC Radio 6 Music und spielte während seinem Set den Track «N’importe» von Dietrich & Strolch. Ein halbes Jahr später, bei einem Auftritt des DJs im Südpol, erfuhr Grüter auf Nachfrage, dass May die Platte in einem kleinen Plattenladen in Tokio gekauft hätte. So weit können Releases also reisen! Doch wie speziell ist es, wenn eine Platte im Ausland erworben wird? Mit dem Internet sind die Vertriebskanäle heutzutage doch unbegrenzt! Und dafür braucht es erst noch keine Fördergelder.

 Grosses Internet

Diese Strategie verfolgt Labelbetreiber Samuel Savenberg. Mit der Schweizer Medienlandschaft oder Fördergeldbeschaffung muss er sich nicht herumschlagen. Die Releases auf Edition Gris bewegen sich stilistisch zwischen Dark Wave und Industrial – Musik also, die nicht den Massengeschmack bedienen soll. «Ich schicke Promomaterial nur an Orte, von denen ich weiss, dass es was bringt. SRF lasse ich aussen vor. Nicht aus Prinzip, aber es nützt nichts», meint Savenberg. Von durchschnittlich 200 Vinyl-Pressungen setzt er etwa einen Viertel für Promotionszwecke ein. Das klingt nicht nach einem grossen Geschäft. Ist es auch nicht. Edition Gris ist selbsttragend, rechnet man den Arbeitsaufwand nicht mit ein. Der Mehrwert entsteht für Savenberg aus der Kombination von Labelarbeit und dem eigenen musikalischen Schaffen. Beispielsweise profitiert sein Projekt S/S/S/S vom Netzwerk, das er mit seinem Label aufgebaut hat. Dabei ist es ihm wichtig, unabhängig zu bleiben und autonom arbeiten zu können: «Musiker sollten so viel wie möglich selber in die Hand nehmen. Wir leben im Internetzeitalter!» Fördergelder werden dafür nicht benötigt. Dieses Jahr ist eine Veröffentlichung geplant. Wann diese erscheinen wird, ist noch offen. Savenberg hat keinen Zeitdruck; er ist sein eigener Chef.

Wenn am Donnerstag, dem 26. März, das m4music Festival wieder beginnt, wird erneut ein kleine Auswahl an Labels und Künstlern gefördert. Andere bleiben hingegen weiterhin aussen vor. Goldon Records, Neustadtmusik und Edition Gris zeigen aber eigene Wege, wie sie den harten und zugleich spannenden Kampf ums Bestehen in der Musikwelt bewältigen. Dabei in der Masse nicht unterzugehen, das ist hierbei die grosse Herausforderung.

Edition Gris

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Edition Gris wurde 2011 gegründet, um «Red Sun» von Seed Of Pain herauszubringen. Die Band ist mittlerweile Geschichte. Das Label existiert dagegen noch. Samuel Savenberg (27), ehemals Gitarrist der Band, hat es weitergeführt und sieben weitere Tonträger herausgegeben – alle auf Vinyl.