Man kann das musikalische Oeuvre von Zach Condon, dem musikalischen Kopf von Beirut, vorschnell als eine typisch amerikanische Art des Kulturimperialismus abtun. Bedient er sich doch in aller Selbstverständlichkeit traditioneller Osteuropäischer Musik und transformiert sie in ein Schema, das den Hörgewohnheiten einer (jungen) westlichen Hörerschaft entspricht. Doch je mehr man sich mit Beirut beschäftigt, zerstreut sich dieses Vorurteil.

Nachdem er mit 16 die Schule abgebrochen hatte, begab sich Condon auf einen ausgedehnten Europa-Trip. Während dieser Reise entwickelt sich seine Passion für Balkan-Blasmusik und die Folklore der Sinti und Roma. Seine Erfahrungen aus der alten Welt verarbeitete er auf seinem Debutalbum „Gulag Orkestar“ im Jahre 2006. Das Prädikat des neunzehnjährigen Wunderkindes gab dem Erfolg des Albums weiteren Auftrieb. Seitdem hat Beirut einen festen Platz im Indie-Olymp und steht für opulenten Folk-Pop ohne stilistische Scheuklappen.

Auf das archaische und erdige Debut folgte ein Jahr später „The Flying Club Cup“, das den Fokus auf seine Vorliebe zur französischen Kultur lenkte. Die Bläser rückten in den Hintergrund und machten vielschichtigen Streicherarrangements Platz, die von Owen Pallett stammten. Jener Herr, der sich auch schon bei Arcade Fire als Arrangeur verdient gemacht hatte. Obwohl musikalisch immer auf der Grenze zum Kitsch oder vielleicht gerade deswegen wurde das Album ein grosser kommerzieller Erfolg. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere brach er die noch laufende Welttournee ab, da der gedrängte Terminkalender keine Verschnaufpausen mehr zuliess.

Aber auch musikalisch schien sich ein Wandel zu vollziehen. Die Mini-LP „March Of The Zapotec/Holland“ aus dem Jahre 2009 bestand zur Hälfte aus Elektropop-Songs, die so gar nicht in das Schaffen der Vergangenheit passen wollten. Offensichtlich war dies nur ein Experiment, da solche Sounds auf dem dritten Longplayer „The Rip Tide“ nicht mehr zu finden sind. Der Fokus liegt auf schlichten Arrangements und vertraut auf das Stamminstrumentarium von Beirut (Piano, Horn, Streicher).

Der Pomp vergangener Tage ist verschwunden, ohne den typischen Beirut-Sound zu tangieren. Es macht den Anschein, als hätte Beirut die goldene Mitte gefunden. Dies manifestiert sich auch in der Stimmung des Albums. Es handelt sich bei allen Songs, bis auf den heimlichen Hit „Santa Fe“, um Balladen oder Mid-Tempo Nummern. Jetzt wo die Arrangements entschlackt, das Tempo gedrosselt und der euphorisierende Pathos verschwunden ist, hört man umso besser heraus, dass Condon ein grandioser Songwriter ist.

Das neue Album entkräftet das Vorurteil, dass Beirut bloss der World Music die Ecken und Kanten schleift und sie in ein poppiges Gewand steckt. Dafür ist Zach Condon ein zu ambitionierterMusiker. Der Sound von Beirut ist eine Einheit geworden, in der die Einflüsse ineinanderfliessen, ohne, dass man spezifische Rückschlüsse auf die musikalische Herkunft ziehen könnte. Das Resultat ist gediegener Folkpop, mit Einflüssen aus aller Welt, der sich auf kurz oder lang nicht mehr hinter Grössen wie Arcade Fire oder Grizzly Bear zu verstecken braucht.

Und das besondere bei Beirut: Manchmal kann es in einer globalisierten Welt gar vorkommen, dass ein Amerikaner seine musikalische Inspiration in Europa sucht und nicht umgekehrt.